Erlebnispädagogik und Scheitern

Warum Fehler zu machen Dich weiter bringt!

“Sei groß genug, um zu deinen Fehlern zu stehen, klug genug, um von ihnen zu profitieren und stark genug, um sie zu korrigieren.”

John C. Maxwell

„Ich bin nicht gescheitert – ich habe 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben.“

Thomas Edison

“Erfolg ist die Fähigkeit, von Misserfolg zu Misserfolg zu gehen, ohne den Enthusiasmus zu verlieren.”

Winston Churchill

Erlebnispädagogik und scheitern? Wie jetzt, scheitern? Aufgeben ist keine Option? Nur die Harten kommen in den Garten? Second place ist first loser?

Immer wieder müssen wir jungen Neu- Trainer *innen, aber auch Menschen aus der „harten Business- Welt“ oder auch systemgeplagten Lehrern *innen erklären warum wir „anders“ ticken und arbeiten.

Und nein, man muss in unseren Augen nicht die Kinder und Jugendlichen auf die „Fressen- oder Gefressen- Werden- Welt“ vorbereiten, sie mit Stress und Funktionieren- Müssen drangsalieren, und im Übrigen gilt das auch – und grade- für Erwachsene. Als im Zuge meiner Lehramtsausbildung das Referendariat anstand wurde die Prüfungsordnung grade dahingehend modifiziert, dass mehrere Lehrproben zeitlich dicht nacheinander stattfinden sollten. Als “Stresstest”. Und als solchen bezeichneten manche Menschen aus dem Oberschulamt das gesamte Referendariat. Ja Mahlzeit, danke aber nein danke, das war für mich dann das finale Zünglein an der Waage was mich dazu bewegte, mich dem ganzen NICHT zu stellen…

Aber von vorne…

Erlebnispaedagogik Und Scheitern- Fehler bringen Dich weiter!
Schweitern und Fehler machen ist ein wichtiger Teil unserer Erlebnispädagogik

Scheitern Lernen

Ich habe in den letzten 20 Jahren eines verstanden: Egal wer zu uns kommt, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, eines müssen sie alle nicht mehr lernen: Zu Scheitern! Dafür bietet der Alltag und unsere ach so tolle, junge bunte, hippe und medial zentrierte Alltagswelt reichlich Gelegenheit. Jugendliche scheitern am vermeintlichen Idealbild welches die „sozialen“ Netzwerke suggerieren (irgendwer ist halt doch immer cooler, hipper, hat mehr drauf, sieht besser aus, hat mehr Follower *innen, macht tollere Urlaube oder hat das neue Supertelefon vor Dir!!!), sie scheitern am gesellschaftlichen Idealbild (Funktionell, jung, dynamisch und immer leistungsstark sollst Du sein!), sie scheitern in der Schule („Das kannst Du besser!“), pubertätsbedingt in der Beziehung mit den Eltern, kurzum, das Leben bietet viel zu viele tagtägliche Fettnäpfchen als dass Mensch die alle auslassen könnte…

Aber auch Kinder kommen dank G8, Turbokarrieristen- bzw. Helikoptereltern, schulischem Druck und leider immer früher den ebenso aus der digitalen Welt übernommenen „Idealbildern“ schon mit einem eher wackeligen Selbstbild zu uns. Und natürlich mit der nicht zu unterschätzenden Kompetenz, diesen vermeintlichen Schwächen eine Fassade oder Maske vorzubauen, denn schwach zu sein oder etwas nicht zu können ist natürlich erstmal völlig uncool… Leider!

Wir haben schon Erlebnispädagogen erlebt, die der Meinung waren es sei wichtig, dass Schulklassen oder andere Gruppen die Teamaufgabe auch erstmal richtig „an die Wand fahren“. Dass Defizite in Kommunikation und Kooperation gnadenlos aufgedeckt werden und dann, pädagogisch wertvoll, nach und nach eliminiert werden müssen. Damit das dann auch im „echten Leben“ klappt.

Sorry, wir sind da anderer Meinung…

Lernen verstehen

All die oben geschilderten Settings oder Situationen schaffen im besten wie im schlimmsten Fall nur eines: Druck auf die Individuen oder die Gruppe auszuüben. Aber Druck macht Stress. Und bei Stress passiert im Hirn (zentral fürs Lernen 😊) folgendes: Der frontale und kortikale Bereich werden überfordert und leuchten im Hirnscann (nein, machen wir nicht bei unseren Settings, aber die Lern- und Hirnforschung!) tiefrot auf. Dumm nur: Dieser Bereich im Hirn ist auch für das „eigentliche Lernen“ zuständig. Und wir verstehen unter Lernen demnach, dass Verknüpfungen und neue Verbindungen nachhaltig wachsen und entstehen. Druck und Stress verhindern dies jedoch nachhaltig. Unter Stress resultiert bestenfalls: Kurzfristige Konditionierung.Damit nachhaltiges Lernen tatsächlich stattfindet braucht es neben einer gewissen Sinnhaftigkeit für das zu Erlernende noch eine weitere Zutat: Die Aktivierung der emotionalen Zentren im Hirn.

Also Begeisterung für das was grade erfahren wird. Natürlich lassen sich die emotionalen Zentren auch durch Belohnung und Bestrafung aktivieren. Damit erreichen wir jedoch lediglich, dass insbesondere Kinder nicht mehr intrinsisch motiviert lernen, sondern zu funktionellen Marionetten degradieren, die von extrinsischen Rückmeldungen abhängig sind. Lehrreiche Settings ermöglichen demnach im Idealfall eine Art Flow– Zustand . Und vor Allem ein Setting ganz ohne Leistungserwartung, dafür aber mit der Erkenntnis: „Klasse, das ist ja interessant und bring mich weiter“ (neudeutsch: Boah, krass cool Alter, darf ich noch mehr?!). Ferner funktioniert Lernen nur wenn es uns gut geht. Wenn wir uns wohl und sicher fühlen. Daher braucht es rund um das Lernen eine Komfortzone, die sozusagen das Fundament unseres Settings darstellt.

Ressourcenorientierung

Und damit sind wir schon beim eigentlichen Punkt unserer pädagogischen Denke: Wir wollen keine Settings erschaffen, in denen es -mal wieder- darum geht, dass die Lautesten, die Stärksten, die Schnellsten vorne liegen und der Rest (wie beispielsweise beim unsäglichen „Wählen“ im Sportunterricht) nach und nach von oben nach unten „angezählt“ werden. Kern unserer Arbeit ist es, mit Spaß und Freude und ohne Bewertung durch andere Dinge zu tun die, so wie sie sind, ok und gut sind. Kreativ zu werden, wild zu sein, die Lust an der Bewegung wieder zu entdecken, herauszufinden dass der eigene Körper ein tolles Instrument ist und mehr kann als mit dem Daumen auf einem Smartphone herum zu tippen. Wir wollen mit großen und kleinen Menschen weg vom „uh, trau ich mich nicht, die anderen schauen zu“ zurück zum kindlichen und mutigen „schau mal was ich kann!“.

Denn in dieser Ressourcenorientierung liegt ein wichtiger Schatz den es zu heben gibt: Mut und Lust auf mehr! Weil: Die Entdeckung „Ich kann was!“ führt unweigerlich zu „Ich kann möglicherweise noch mehr!?“. Die Lust auf mehr dieser kleinen oder großen Erfolgserlebnisse wird geweckt, vor Allem wenn nicht die Angst des Scheiterns im Vordergrund ist oder als „self- fulfilling prophecy“ voransteht und blockiert. Natürlich geht es jetzt nicht darum, Situationen so zu modellieren, dass ein Scheitern unmöglich ist. Vielmehr liegt der Focus darauf, auch kleine oder ganz und gar subjektive Leistungen Einzelner oder der ganzen Gruppe zu sehen und zu würdigen.

Fail faster!

Achtung, jetzt wird’s zum Ende paradox! Denn wir rufen dazu auf, mehr und schneller zu Scheitern. Häufiger etwas zu riskieren und Fehler zu machen! Denn Fehler bergen mitunter die größten Chancen der Weiterentwicklung. Während wir in der Schule in Deutschland beigebracht bekommen, dass Fehler nicht gut sind propagieren wir, zu unseren eigenen und den Fehlern der Anderen eine neue und positive Haltung annehmen. Denn wer Fehler macht hat davor den Mut gehabt, etwas zu versuchen was eventuell schief gehen kann. Demnach wurde hier ein Wagnis eingegangen! Und wenn das schief geht: Schulterklopfer, gemeinsam drüber lachen, noch mal versuchen. Denn erfolgreich zu sein bedeutet bekanntermaßen nicht, keine Fehler zu machen. Erfolgreich zu sein heißt, sich nicht unter kriegen zu lassen, an sich selbst zu glauben und (mindestens!) ein Mal mehr aufzustehen als hinzufallen!

Über Fehler lachen zu können ist eine wichtige Kompetenz!
Fehler und Scheitern üroduzieren erstmal negative Emotionen in uns...

Fehler und Emotionen

Leider lösen Fehler bei uns Menschen immer noch negative Emotionen aus. Dummerweise sogar viel heftigere Emotionen als sie durch Erfolgserlebnisse generiert werden. Das Ego mag es nicht, wenn Fehler gemacht werden. Fehler werten das Ego ab und machen es kleiner. Daher versucht unser Ego, die Fehler zu ignorieren oder herunter zu spielen. Fehler passen nicht in unsere durchoptimierte Leistungsgesellschaft. Und auch nicht so recht in unser Selbstbild… Wir Menschen versuchen, uns von diesen Fehlern die uns emotional wie kognitiv negativ beeinflussen, loszulösen. Ihnen weniger oder keine Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen. Sie zu vergessen…

Damit wird ein “Lernen aus eigenen Fehlern” aber deutlich erschwert- weil wir keinen Zugriff auf die verdrängten Informationen mehr haben. Es braucht also eine ganz neue Fehlerkultur! Eine, in der Fehler und zu scheitern nicht negativ konnotiert oder gewertet werden. Eine Kultur, welche Fehler als Chance und notwendigen Schritt der Weiterentwicklung feiert!

Klar, es ist mir durchaus bewusst dass das eine sehr idealistische Forderung ist. Hier spricht der notorische Weltverbesserer! Aber: Die Realität die wir bei unserer Arbeit mit großen und kleinen Menschen erleben zeigt uns, dass es in der (pädagogischen) Arbeit, nicht nur in der Erlebnispädagogik genau dies braucht. Die Menschen begrüßen und lieben diese druckfreien Lernwelt und blühen durchweg auf. Etliche freie Schulen haben dies längt verstanden und bieten ihren SchülerInnen genau diese Entfaltungsmöglichkeit. Demnach ist diese “rosarote Wolke” gar nicht so unrealistisch. Und sie wächst stetig, zum Beispiel mit jedem Teilnehmer und jeder Teilnehmer*in an unserer Ausbildung Erlebnispädagogik. Denn wer diese rosarote Luft einmal geschnuppert hat will mehr davon!
Und ja, vielleicht liege ich ja auch komplett falsch. Aber dann hätte ich ja irgendwie trotzdem alles richtig gemacht 🙂

Klasse Übung: Der “N.E.W. Fight Club“, ein schnelles dynamisches Spiel (WUP). Hier werden Fehler gefeiert und dann wird einfach weiter gespielt…!

Zum Autor

Leif ist nunmehr offiziell über die Hälfte seines Lebens und damit beinahe ein viertel Jahrhundert in der Erlebnispädagogik unterwegs. Ein vollendetes Lehramtsstudium hat ihm die Schattenseiten des Schulsystems so nachhaltig aufgezeigt dass er sich schon nach dem ersten Staatsexamen als dauerhaft inkompatibel mit dem Schuldienst erklären musste. Seitdem treibt ihn die Suche nach alternativen Lehr- und Lernformen um, die Erlebnispädagogik bietet dafür dankbarerweise eine geeignete Spielwiese!

Leif Cornelissen, Diplom- und Erlebnispädagoge
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