Die Geschichte der Erlebnispädagogik

Wir bei N.E.W. legen sowohl in unserem erlebnispädagogischen Angeboten als auch in unserer Ausbildung viel Wert auf das persönliche Erleben und den Kontakt mit der Natur. Dabei holen wir unsere Teilnehmer*innen aus Ihrem gewohnten Umfeld (Link Komfortzone) heraus und begleiten sie auf Ihrem Lernabenteuer. Allerdings verstehen wir uns dabei nicht als Lehrende sondern als Begleiter*innen. Die eigentlichen „Lehrenden“ auf unseren Fahrten sind die Natur und die Erfahrungen die unsere Teilnehmer*innen auf unseren Fahrten machen. Die unseren Fahrten zugrundeliegenden Konzepte haben wir uns aber nicht alle selbst ausgedacht. Glücklicherweise können wir auf einer langen Reihe von Denker*innen aufbauen, die alle ihren Teil zur heutigen Erlebnispädagogik beigetragen haben. Hier möchten wir euch ein paar dieser Vorreiter*innen und die Entwicklung der modernen Erlebnispädagogik einmal vorstellen.
Geschichte der Erlebnispädagogik
Erlebnispädagogik Schloss Salem

Historisches…

Wichtige Grundgedanken der Erlebnispädagogik sind bei dem bekannten Philosophen Jean-Jaques Rousseau zu finden. Dieser hat bereits im 18. Jahrhundert unter anderem die Wichtigkeit des Lernens durch die Natur, das eigene Handeln und persönliches Erleben postulierte. Er trat auch für eine Erziehung ohne Erzieher, sondern durch „natürliche Folgen“ des eigenen Handelns (logische Konsequenzen) ein. In der Praxis der Erlebnispädagogik sind diese Ideen zum Beispiel in einigen unserer Team Tasks [LINK] und vielen verschiedenen naturpädagogischen Tätigkeiten wie beispielsweise Fackelbau, Lagerfeuer, Erdsauna, Schlammloch, Landart oder bei verschiedenen Workshops wie dem Schnitzen umgesetzt Sie finden jedoch vor Allem im grundlegenden und alltäglichen N.E.W. Setting anklang. Ans Herz legen möchte ich Euch hier unbedingt Rousseaus Werk “Émile oder Über die Erziehung”!

Ein Jahrhundert später gelangte Henry David Thoreau („Walden“) zu der Ansicht, dass die Auszeit vom vertrauten Umfeld einen inneren Perspektivwechsel auslösen kann, der persönliches Wachstum fördert. Das einfache Leben in der Natur und die Verbindung mit der Natur sah er als Weg zum ursprünglichen Leben an, welcher durch Luxus und Bequemlichkeiten blockiert würde. Viele dieser Erkenntnisse hatte er während er zweieinhalb Jahre in einer kleinen Blockhütte am Walden Pond lebte. Dort entstand auch sein Buch (s.o.). So hat er seine Ideen direkt selbst in der Praxis erlebt.

Pfadfinder und Kurt Hahn

Diese Verbindung mit sich selbst und der Natur wollen wir unseren Teilnehmer*innen durch viele Outdooraktivitäten näherbringen. Eine essentielle Rolle spielt dabei die geografischen Lage unserer Schullandheime mitten im Grünen.
Die praktische Umsetzung des Lernens durch das eigene Handeln und der Nähe zur Natur wurde dann von Robert Baden-Powell in die Wege geleitet. Er gründete die Pfadfinderbewegung, die auch heute noch in der ganzen Welt verbreitet ist und vor allem Jugendlichen das „learning by doing“ in der Natur ermöglicht. Baden-Powell hat auch die gezielte Verantwortungsübertragung als Konzept aufgenommen. Demnach geht es darum, die Jugendlichen aus ihrer Komfortzone holen soll und persönliches Wachstum ermöglicht. Diese gezielte Verantwortungsübertragung ist natürlich auch bei uns zu finden.  Beispielsweise lernen die Kinder sich beim Klettern gegenseitig zu sichern, oder bei GPS-Touren aufeinander aufzupassen. Sie lernen aber vor Allem, dass Teil einer Gruppe zu sein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.

In den 1920er und 1930er Jahren erlebte die Erlebnispädagogik in Deutschland eine erste Hochphase. Einer der Vorreiter der deutschen Erlebnispädagogik dieser Zeit war Kurt Hahn. Dieser war der Ansicht, dass die Qualität eines Erlebnisses für dessen langfristige Wirkung viel entscheidender ist, als dessen Dauer. In seinen Schulen auf Schloss Salem und in der British Salem School legte er vier Schwerpunkte: das körperliche Training, den „Dienst am Nächsten“, das „Projekt“ (eine Aufgabenstellung mit hoher, aber erreichbarer Zielsetzung) und die „Expedition“ (Erlebnistouren in der Natur). Auf diese Art und Weise hat er physische und psychische Anstrengungen miteinander verbunden und in einem positiven Kontext eingebettet.

Edmund Kösels Modellierung von Lernwelten

Edmund Kösel und unsere Erlebnispädagogik

Wir können hier bei weitem nicht alle wichtigen Vertreter und Denker der Erlebnispädagogik nennen die insbesondere in den letzten 100 Jahren immer zahlreicher geworden sind. Aber wir wollen unsere Geschichte der Erlebnispädagogik stellvertretend mit Edmund Kösel als modernem Vertreter der Erlebnispädagogik beenden. Kösels Konzept der Subjektiven Didaktik ist für unser Verständnis des Lernens und unsere didaktische Arbeit entscheidend. Der Subjektiven Didaktik Kösels zufolge stellt jeder Mensch ein in sich geschlossenes Bewusstseinssystem dar. Kommunikation ermöglicht einen Austausch zwischen diesen Systemen. Daraus folgt, dass Lernen individuell ist und deshalb auch Lehren an die Individuen angepasst werden sollte.

Deshalb planen wir keine Klassenfahrten und Seminare im Vorfeld. Vielmehr versuchen wir situativ vor Ort individuell auf unsere Teilnehmer*innen einzugehen und einen guten Rahmen für persönliches Wachstum zu schaffen.
Auf diesen und vielen anderen wichtigen Ideen und Konzepten baut auch die moderne Erlebnispädagogik auf. Und es kommen noch immer mehr und neue Ideen dazu, sodass sich die Geschichte der Erlebnispädagogik stetig weiterentwickelt. Mittlerweile umfasst sie eine riesige methodische Bandbreite, die es ermöglicht, auf verschiedenste Situationen und Konstellationen spezifisch einzugehen. Historisch hat sich die Erlebnispädagogik zusammen mit der Reformpädagogik Steiners, Montessoris und Anderer als Gegenentwurf zu tradierten Bildungssystemen entwickelt.  Sie steht noch heute für einen alternativen Zugang zu Erziehung und Bildung.

Zum Autor der Geschichte der Erlebnispädagogik

Leif ist nunmehr offiziell über die Hälfte seines Lebens in der Erlebnispädagogik unterwegs. In der zweiten Hälfte der ersten Hälfte (Studium) durfte er mitunter leidvoll erfahren, dass es mehr Bücher als Zeit gibt. Daher und um dieses Verhältnis für die Nachwelt wieder zu ändern schreibt er hochambitioniert Zusammenfassungen von Zusammenfassungen. Und hofft dass deren Essenz dennoch erhalten bleibt…

Leif Cornelissen, Diplom- und Erlebnispädagoge
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